Vor und zurück – Auf Highheels durch die Wirtschaftskrise.
Dieser Text, der Versuch einer Gemeinschaftsarbeit von Laura Ewert und mir, wäre beinahe in der dritten Ausgabe des Hate-Mags erschienen. Da es dann dazu aber doch nicht gekommen ist, jetzt eben hier.
Auch wenn das Wort anderes vermuten lässt – das mit der Finanzkrise entwickelt sich so langsam zu einer richtig guten Sache, und auch für das kommende „Regressionsjahr” sind die Aussichten nicht die schlechtesten. Seit Bekanntwerden der gigantischen Geldvernichtung führt man an innenstädtischen Küchentischen Gespräche mit befreundeten Finanzexperten, zur Anschauung des doch relativ komplizierten Sachverhalts werden aus Feuerzeugen, Zigarettenschachteln und Salzstreuern Kreditsystems gebastelt und endlich konnte man auf Parties dem Bedürfnis fröhnen, das Diskutieren der wahren Probleme wie die Krise der Beziehung gegen die Probleme der Ware und die Krise der Finanzen zu tauschen. Auf den Toiletten der Clubs wurde – je nach Gusto – der Hass auf oder das Verständnis für die von Unheil verfolgten Banker entdeckt, die Diskokugel dreht sich selbstverständlich weiter.
Nachdem jetzt – in einem einer kompetenten Wirtschaftsredaktion eher unverdächtigen – Radiosender ganz selbstverständlich und in scheinbar unabwendbarer und quasi natürlicher Zusammengehörigkeit vom „Regressionsjahr 2009” gesprochen wird, die „angeschlagenen Firmen” – oder zumindest die größeren davon – aber nach und nach „gerettet” werden, kann es ja weiter gehen mit Koks und Karma-Kapitalismus. Gerade Berlin ist ja krisenerprobt und der schlauere Teil der Bewohner geht in solchen Fällen einfach weiter raven. Den Huren des Gastronomiebetriebs werden Rinderfilet und Cremantreste so schnell nicht ausgehen, und auch Getränkebons werden einem schon immer wieder von irgend jemanden zugesteckt werden. Dass es auch weiter Clubs geben wird, ist nicht zuletzt jetzt, wo die Angst der Investoren auch die großen Bauprojekte in Richtung später mal verschiebt, klar, denn wer Gründe zum Feiern sucht, findet in der Krise sogar einen recht vernünftigen.
Die Zwischennutzer und Szene-Onkels retten den unhübsch besorgten Immobilienbesitzern den teuer bespannten Arsch, in die der global player kann man später immer noch kriechen. Kollateralnutzen – man wollte ja schon immer Kleinkunst fördern – gibt Prestige und säubert die in letzter Zeit von Drecksspritzern beschmutzte Weste. Doch nicht nur die Reinigung kann man sich ja schon auch mal ein bisschen was kosten lassen. Geld ausgeben macht Spaß wie nie – darauf täglich einen geilen Latte Macchiato! Weil gerade alle heiraten – Wegen der Steuern? Wegen der Krise? – fährt man mit dem Taxi zur Hochzeitsfeier in den Wedding, die Schokotorte aus dem Lafayette: Selbstverständlich! Freitags neue Schuhe für Samstag kaufen, und warum nicht einfach mal einen richtigen Handwerker bestellen, der die Waschmaschine repariert. Macht nichts, dass wir nicht auf der Gästeliste stehen und niemanden an der Bar kennen. Geld ist ja sowieso ein komisches, nicht-reales Zeug, das auf dem Küchentisch mal von Korken, mal von Kuchenkrümeln dargestellt wird. Es scheint etwas Böses zu sein, denn weil eben noch im Überfluss vorhanden, scheint es jetzt allen zu fehlen. Also dann doch lieber gleich: Weg damit! Und wenn man schon am Tage schläft und die Nächte wacht, kann man auch gleich in überteuerten Kiosken kaufen. Hauptsache, der Chardonnay steht kalt und das Bier kommt aus Bayern.
Die kurze Hoffnung, „die da” würden uns einen Scheck über 500 Euro schenken, hat sich schneller erledigt als zu klären war, ob auch Schattenwirtschaftler dafür ihre Waren tauschen. Alternativ – und dies als deutlicher Appell an alle zumindest biologisch zum Werfen fähigen Gebärmaschinen – wird nun das Kindergeld erhöht und die Bezugdauer gekürzt. In Verbindung mit der Tatsache, dass im Bekanntenkreis nicht nur alle heiraten, sondern auch noch Kinder bekommen, lässt verschwörungsaffine Geister an eine zur Gesellschaftsgestaltung fähige Sekte unter Vorsitz der Eva Hermann glauben. Nun ja, Nachwuchs bedeutet bekanntlich Rentenzahler, und so haben wir am Ende alle was davon.
Dass im Zuge der ganzen Verunsicherung und Verdrängung die Mode der Wirtschaftswunderjahre wieder kommen wird – große Knöpfe und Kragen, Trümmertuch-Kopftuch, Highheels für die neue Weiblichkeit - ist auch für dem Modebusiness eher fremde Personen absehbar. So muss man sich zumindest kein Karohemd mehr kaufen, auch gut. Der andere Trend - wenn auch nicht neu – schwappt derzeit von den Textildiscountern in die Großraumdissen und verweist auf historische Krisenerfahrungen. Ganovenschnauzer und Pokertisch – die Dekadenz der 20er Jahre wird mal wieder zelebriert, als ob es kein Morgen gäbe. Die Krise, die kam dann trotzdem und aus Weimar wurde Buchenwald.
„Merry Crisis” stand auf den top-schicken Agentur-Weihnachts-E-Cards. Sorry, dass wir die Verträge im nächsten Jahr nicht verlängern werden können. Aber wenn schon untergehen, dann wenigstens in Champagnerrausch und Designerfummel – natürlich aus Biowolle und von einem lokalen Designer. Die heimische Wirtschaft geht nämlich vor, gerade in Zeiten der Krise. Konsumrevolution und Mikro-Ökologisierung sind dem bewussten Krisenopfer leuchtturmgleicher Halt – der softe Kapitalismus ist der neueste Schrei in den Haushalten des Kleinbürgertums. Das Nicht-Taufen des Nachwuchses – zu begrüßende Skepsis gegenüber Heilserwartungen im Später – ist ebenso Ausdruck des vom Bekenntnis zum Trend gewordenen Irgendwie-Links-Seins wie die zunehmende Begeisterung für jegliche Form der Selbstversorgung. Mutti schenkt Vati zum Feste einen Kurs in Autarkie: Hier kann er wieder lernen, wie man Kartoffeln anbaut, welche Kräuter wie Rucola schmecken und wie man einem Hasen die Kehle durchschneidet. Jeder ist allzeit bereit für das große Quiz der Kapitalismuskritik; dass man Marx mit einem x schreibt, weiß mittlerweile (wieder) jeder, der schon mal eine TV-Box bedient hat. Und nachdem sich im letzten Jahr all die Super-Missy-Girls zuerst etwas widerwillig, doch dann voller Ekstase an der eigenen Natürlichkeit weiß-grauen Eigenschleim in den Mund schmierten, fangen sie nun plötzlich an zu stricken. Erstmal mit einem Schal beginnen und sich dann zum Woll-Dildo hocharbeiten. Zur Not kann man den Quatsch auch als Kunst verkaufen – denn dieser Markt bricht nie zusammen.
So sieht es aus im Krisenjahr, von dem alle behaupten, die Talsohle wäre noch lange nicht erreicht. Netzwerke! Zusammenhalt! Mikrosysteme!, schreit der Neo-Hippie vorlaut. Hat er ja schon immer gesagt. Die vielen individuell uniformen Studentenwichser – vom Denken befreit und zum Besserwissen erzogen – werden weiterhin dummbräsig fragen, wer noch mal Dutschke war und ob Profitrate gleich Flatrate ist. Sie werden sich weiterhin in überfüllten Hörsälen und auf der aktuellen Welt die Nägel lackieren und sich und ihre angepassten Nein-Sager-Freunde auf dem nächsten Campus Open Air feiern. Vermutlich spielen sogar Wir sind Helden, denen kann man glauben, wenn sie sagen, der Kapitalismus sei böse. Und so malt man sich dann schnell noch ein T-Shirt mit einem kritisch daherkommenden Spruch, fühlt sich politisch und affirmiert das Bestehende. Alles wird merkwürdig in diesem Jahr der Rezession, widersprüchlich sogar. Self fullfilling prophecies überall. Und was das nun damit zu tun hat, dass man wieder House-Musik hören kann, finden wir auch noch raus.